Über Urushi.

Urushi (Chinesisch 漆, Japanisch 漆, Deutsch Chinalack oder Japanlack) ist ein natürlicher Lack, der aus dem Rindensaft ostasiatischer Lackbäume (Rhus vernicifera) aus der Familie der Sumachgewächse gewonnen wird. In Ostasien wird er als “König der Lacke” bezeichnet.

Herkunft und Ernte des Lackbaums

Die Heimat des Lackbaums sind die Wälder auf Bergen in China, Korea und Japan. Diese Bäume gedeihen gut unter den warmen und feuchten klimatischen Bedingungen dieser Länder. In China sind sie hauptsächlich in den Provinzen Shaanxi, Chongqing und Sichuan verbreitet und wachsen in Höhenlagen zwischen 800 und 2800 Metern. Der Rohsaft wird von Juni bis Oktober von etwa 10 Jahre alten Bäumen gesammelt. Durch das Schneiden einer 5 mm tiefen Kerbe in die Rinde beginnt der milchig-weiße Saft sofort herauszufließen und wird in einem Gefäß aufgefangen. Jeder Einschnitt lässt sich etwa dreimal ausschaben, dann wird oberhalb der versiegten Stelle eine neue Kerbe geschnitten. Während der gesamten Erntesaison erhält man etwa 250 g Rohsaft pro Baum. Der Baum stirbt dabei nicht, benötigt jedoch mindestens zwei Jahre Erntepause, um sich zu erholen.

Lackbauer und Ihre Tradition

(Video mit freundlicher Genehmigung von Bastien Robilliard )

Die Geschichte der Lackbauer reicht weit zurück und ist eng mit der Tradition der Lackgewinnung aus Lackbäumen verbunden. Schon seit Jahrhunderten praktizieren Lackbauer dieses Handwerk, das oft von Generation zu Generation weitergegeben wird. Sie sind tief verwurzelt in den Regionen, in denen die Lackbäume wachsen, und tragen wesentlich zum Erhalt dieser Tradition bei. Die Kunst der Lackgewinnung erfordert nicht nur Erfahrung und Geschicklichkeit, sondern auch ein tiefes Verständnis für die Natur und die Lackbäume selbst. Durch die sorgfältige und nachhaltige Ernte der Lackrohstoffe tragen die Lackbauer zur Bewahrung der Umwelt und des Ökosystems bei, während sie gleichzeitig eine der ältesten Berufsgruppen der Menschheit repräsentieren.

Verarbeitung und Verfeinerung von Urushi

Der milchweiße Saft (Ki-Urushi) wird mehrfach gefiltert und kann direkt auf Holz aufgetragen werden. In seiner reinen Form ist Urushi sehr allergen, da der Hauptanteil des Urushi-Safts ein allergenes Öl namens Urushiol ist. Nur hochwertige Urushi-Säfte mit besonders guter Qualität werden zur weiteren Verfeinerung ausgewählt. Diese Verfeinerung erfolgt nach überlieferten Kriterien wie Trockenzeit, Glanz, Härte und Farbton. Nach dem Vermischen wird der Mischsaft zwei Tage lang vorsichtig gerührt und sanft erwärmt (bei ca. 40°C). In diesem aufwendigen Verfeinerungsprozess wird das gefährliche Urushiol zu ungiftigen Polymeren umgewandelt und der Wassergehalt von ca. 30% auf 3% reduziert.

Die durch diesen Prozess erzielten hochfunktionellen natürlichen Lacke (Shuai-Urushi) bieten erhebliche Vorteile: Sie haben eine überlegene Beständigkeit im Vergleich zu herkömmlichen Lackbeschichtungen, sind transparent und weisen einen hohen Glanzgrad auf. Die Beschichtungen sind sehr hart und kratzfest, besitzen eine hervorragende Siedebeständigkeit und sind weniger anfällig für Verfärbungen. Darüber hinaus haben sie eine schnelle Härtungs- und Trocknungszeit, was zu einer guten Härte und einem schönen Glanz der Beschichtung führt.

Lackfilm 0,03mm von verfeinertem Urushi.

Zusätzliche Produkte des Lackbaums

Neben dem Urushi produziert der Lackbaum auch Beerenwachs, das in der Kosmetik weit verbreitet ist. Beerenwachs wird aus der Fruchtschale des Lackbaums gewonnen und oft in Hautpflegeprodukten verwendet, um die Haut zu schützen und zu pflegen. Beerenwachs ist eine vegane Alternative zu Bienenwachs und wird in Lippen- und Pflegestiften, Oleogelen sowie in Haut- und Haarpflegeprodukten eingesetzt.

Ein weiteres wertvolles Produkt des Lackbaums ist der Lackblumenhonig, der während der einzigartigen Blütezeit des Baums gewonnen wird. Dieser Honig wird in Ostasien hoch geschätzt und gilt als Delikatesse. Er zeichnet sich durch seinen besonderen Geschmack und seine gesundheitsfördernden Eigenschaften aus, die ihn zu einem begehrten Naturprodukt machen.

Geschichte und Kultur von Urushi

Urushi hat eine über 9000-jährige Geschichte und wurde erstmals in der Jomon-Zeit (ca. 10.000 bis 300 v. Chr.) in Japan verwendet. Im Laufe der Jahrhunderte entwickelte sich die Urushi-Kunst weiter und wurde zu einer hochgeschätzten Handwerkskunst in Ostasien. Urushi-Kunstwerke sind nicht nur für ihre Schönheit und Haltbarkeit bekannt, sondern auch für ihre kulturelle Bedeutung. Diese Kunst wird weiterhin von Handwerkern gepflegt und ist ein Symbol für Geduld, Handwerkskunst und die Verbindung zur Natur.

Title: Box with Design of Plum Tree and Moon
Artist: Lacquered by Tansai
Period: Edo period (1615–1868)
Date: 19th century
Culture: Japan
Medium: Gold, black lacquer, and pewter on bamboo
Dimensions: H. 6 5/8 in. (16.8 cm)
Classification: Lacquer
Credit Line: The Howard Mansfield Collection, Purchase, Rogers Fund, 1936
Accession Number: 36.100.166a, b

Urushi wurde nicht nur in Japan, sondern auch in China weit verbreitet verwendet. In der Yayoi-Zeit (ca. 300 v. Chr. bis 300 n. Chr.) und Kofun-Zeit (ca. 300 bis 538 n. Chr.) in Japan wurden Urushi-Techniken weiter verfeinert, und es entstanden zahlreiche bedeutende Kunstwerke und Alltagsgegenstände. Besonders hervorzuheben sind die lackierten rituellen Gefäße und Schmuckstücke, die in dieser Zeit hergestellt wurden.

西漢 黑地朱繪雲氣紋漆碗
Title: Bowl with Geometric Designs
Period: Western Han dynasty (206 B.C.–A.D. 9)
Date: 2nd century BCE
Culture: China
Medium: Black lacquer painted with red lacquer
Dimensions: H. 3 5/8 in. (9.2 cm); Diam. 10 7/16 in. (26.5 cm)
Classification: Lacquer
Credit Line: Purchase, Florence and Herbert Irving Gift, 1994
Accession Number: 1994.44

In China wurde Urushi ebenfalls seit Jahrtausenden verwendet. Ein bemerkenswertes Beispiel ist die Terrakotta-Armee aus der Qin-Dynastie (221 bis 206 v. Chr.). Jede Figure wurde mit meheren Kilo Urushi behandelt, um ihre Haltbarkeit und ästhetische Qualität zu erhöhen. Die Verwendung von Urushi in der Kunst und im täglichen Leben wurde in der Tang-Dynastie (618 bis 907 n. Chr.) und der Song-Dynastie (960 bis 1279 n. Chr.) weiter verfeinert, was zu einer Blütezeit der Lackkunst führte.

元 雕漆剔黑綬帶山茶紋委角方盤
Title: Square dish with long-tailed birds and camellias
Period: Yuan dynasty (1271–1368)
Date: first half of the 14th century
Culture: China
Medium: Carved black lacquer
Dimensions: H. 1 in. (2.5 cm); W. 7 in. (17.8 cm); L. 7 1/8 in. (18 cm)
Classification: Lacquer
Credit Line: Gift of Florence and Herbert Irving, 2015
Accession Number: 2015.500.1.5

Ein weiterer bemerkenswerter Aspekt der Urushi-Kunst ist ihre spirituelle und religiöse Bedeutung. In vielen buddhistischen Tempeln und Schreinen werden Urushi-Objekte als heilige Artefakte betrachtet. Die Kunst des Lackierens wird oft als meditativer Prozess angesehen, der Geduld und Hingabe erfordert.

明天啟 檀木雕觀音菩薩
Title: Bodhisattva Guanyin
Period: Ming dynasty (1368–1644)
Date: datable to 1624
Culture: China
Medium: Sandalwood with lacquer
Dimensions: H. 8 1/2 in. (21.6 cm); W. 5 1/4 in. (13.3 cm); D. 4 in. (10.2 cm)
Classification: Sculptures
Accession Number: 36.40a–e

In der heutigen Zeit wird die Tradition der Urushi-Kunst von engagierten Handwerkern und Künstlern fortgesetzt. Sie verbinden traditionelle Techniken mit modernen Designs, um die zeitlose Schönheit und Funktionalität von Urushi zu bewahren und weiterzuentwickeln. Urushi bleibt ein lebendiges Symbol für die reiche kulturelle Geschichte und das handwerkliche Erbe Ostasiens.

元末明初 雕漆剔犀劍環紋盤
Title: Dish with pommel scrolls
Period: Yuan (1271–1368)–early Ming (1368–1644) dynasty
Date: second half of the 14th century
Culture: China
Medium: Carved black and red lacquer (tixi)
Dimensions: H. 1 3/8 in. (3.5 cm); Diam. 12 1/2 in. (31.7 cm)
Classification: Lacquer
Credit Line: Gift of Florence and Herbert Irving, 2015
Accession Number: 2015.500.1.24

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